Vardana

Inspiration für Autoren

 
 

Was entstand bei VARDANA?

 

2011


Zum Lesen und Bewundern finden Sie hier einige Kurzgeschichten, die während der Vardana-Schreibwoche 2011 entstanden sind. Wir waren eine kleine Gruppe. Mehr als sechs Autoren in spe können in sieben Tagen nicht zu guten Ergebnissen geführt werden, da die Arbeit mit jedem Teilnehmer äußerst persönlich und intensiv ist.

    Am Abend der Ankunft erwartete uns eine Überraschung. Es war eine herrlich warme, duftende Spätsommernacht. In unserem privaten Gärtchen saßen wir beim Essen (von Vardas Schwester Linde die ganze Woche lang dreimal täglich liebevoll und köstlich zubereitet). Der Mond schien hell auf die Hügel. Eigentlich hatten wir eine stille, besinnliche Atmosphäre erwartet. Aber die Besitzerin der Villa hatte an diesem Tag noch eine große Hochzeitsfeier auszurichten. Also gab es auf dem weitläufigen Grundstück und rund um den Swimmingpool viele große und kleine Menschen, Trubel, Gelächter, laute Musik. Rauchschwaden von einem riesigen Grill wehten zu uns herüber. Dieses Fest unter freiem Himmel mit großem Dinner machte uns neugierig. Wir erfuhren allerdings nicht viel über die Gäste - nur dass die Braut aus Rumänien sei, das wurde uns von einer Kellnerin erzählt.
Anstatt uns über den Krach zu ärgern, fingen wir bei Tisch an, gemeinsam über die Gäste und das Brautpaar zu lästern und zu fantasieren. Da hatten auch wir wir bald viel zu lachen. Immer mehr Ideen kamen uns dazu in den Sinn. Bevor wir uns eine gute Nacht wünschten, bekam jeder von Varda die kleine Aufgabe, sich bis zum folgenden Morgen in eine der fiktiven Personen hineinzuversetzen und eine halbe Seite dazu nieder zu schreiben. Zur Auswahl hatten wir eine Braut, einen Bräutigam, den Pfarrer, zwei Schwiegermütter, einen Trauzeugen und noch ein paar andere Figuren. Die Teilnehmer suchten sich eine davon aus.
Nach dem Frühstück kamen wir zur ersten Arbeitssitzung zusammen. Und nachdem alle ihren kleinen Text vorgelesen hatten, waren wir erstaunt, wie viel Interessantes bei dieser Spielerei schon herauskam. Anschließend gab es eine der speziell für die Vardana-Methode konzipierten Übungen. Dadurch wurden weitere kreative Schichten des Bewusstseins frei gesetzt. Nach drei Tagen hatte jeder einzelne Teilnehmer die Möglichkeit, zwischen mehreren ganz verschiedenen Themen und Stoffen zu wählen, die er selbst gefunden und erfunden hatte, um bis zum Ende der Woche mit diesem Material eine Kurzgeschichte zu verfassen. Mit der Hochzeit hatten die Themen zunächst einmal nichts zu tun.
Doch die so unvermutet in unser Leben gedrungene Feier mit der rumänischen Braut ließ uns nicht los. So kam es, dass mit wenigen Änderungen letztlich alle Texte untereinander einen gewissen Zusammenhang bilden konnten. Aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten sie die Hochzeit - nicht etwa wie sie wirklich war, sondern so wie sie in unserer Fantasie stattgefunden hatte. Auf diese Weise, ohne dass es wirklich geplant gewesen wäre, ergeben sie letztlich ein kleines Gesamtkunstwerk.

Mit Vardas Unterstützung und mittels der effizienten Vardana-Methode wurde jeder einzelne Text täglich im Beisein aller durchgearbeitet und mit theoretischen und praktischen Hinweisen angereichert, von denen man lernend profitieren konnte. Im gemeinsamen Gespräch wurde ergänzt, verändert, gekürzt und überarbeitet. So saß bald jeder mit seinem Laptop in irgendeiner lauschigen Ecke und tippte mit wachsender Begeisterung. Dazu gab es weitere Übungen, immer neue Anregungen...

Natürlich fehlte auch nicht der private Austausch. Das Wetter beglückte uns alle mit sonniger Beständigkeit. Eine Landschaftsfahrt machte uns mit der schönen Gegend vertraut. Bei einem Besuch im nahen Vicenza nahmen wir die Pause im Eiscafé zum Anlass, mit wachen Augen die Menschen um uns herum zu beobachten, uns Notizen zu bestimmten auffälligen Typen zu machen und den einen oder anderen Vorübergehenden sogar zu fotografieren, um ein Archiv für weitere Autorentätigkeit anzulegen. Ein weiterer Höhepunkt war unser Ausflug in zu einer der herrlichen Barockvillen ganz in der Nähe, die das Veneto so berühmt gemacht haben. Dort wurden wir vom gräflichen Besitzer persönlich geführt und konnten uns in aller Ruhe mit der Geschichte des Hauses und der Gegend auf lebendige Weise vertraut machen.  

Vor dem Abschieds-Mittagessen veranstalteten wir dann eine feierliche Lesung aller Kurzgeschichten mit viel verdientem Applaus. Um den Tisch saßen lauter zufriedene Jung-Autoren, die von ihren eigenen Fortschritten beeindruckt waren.

Nun aber sehen Sie selbst, zu welch eindrucksvollen literarischen Ergebnissen die Teilnehmer, von denen keiner Vorerfahrungen mit dem Schreiben hatte, in einer einzigen Woche gekommen sind:



Der Bäcker der tausend Herzen


von Christine Huck


Es war kurz vor Sonnenaufgang und noch nicht einmal fünf Uhr, da hatte Aurelio bereits zehn Kilogramm Teig vermischt, geknetet, ausgewalkt und daraus einhunderteinundfünfzig herzförmige Plätzchen ausgestochen. Auf mehrere Bleche verteilt lagen sie vor ihm. Aurelio hatte immer ein Herz gerade und eines verkehrt herum hingelegt, damit möglichst viele auf einem Blech Platz fanden, denn der Ofen fasste nicht mehr als fünf Bleche.


Diese Herzen waren für die Hochzeit von Rosalia und Enzo Canetti bestimmt. Der Teig hatte für die geladene Anzahl Hochzeitsgäste genau gereicht. Es war sogar ein Herz zu viel.

Aurelio musste gähnen. Die Müdigkeit hing in seinen Gliedern. Er hatte an diesem Tag noch früher aufstehen müssen als sonst und schlief ohnehin schlecht in letzter Zeit. Leise war er wie jeden Morgen barfuß im Dunkeln die Holztreppe hinuntergetappt um Elsa nicht zu wecken.


Aurelio öffnete das Fenster, um die frische Morgenluft hereinzulassen. Vorsichtig rückte er auf dem Blech die vorbereiteten Herzen zurecht und schickte sich an, die Limonen auszupressen. Den Saft mischte er mit Zucker und Eiweiß und begann, mit dem Guss die Herzen zu bestreichen. Diesen Teil der Arbeit mochte Aurelio besonders gerne. Er genoss den zarten Duft der Limonen und die leichten Bewegungen seiner Hand. Vor allem aber liebte er die Ruhe und die Stille, die sich dabei einstellte. Sorgfältig bepinselte er Herz für Herz, fuhr über die Runden und in die Ecken, veränderte da noch ein bisschen die Dichte und strich dort mit dem Pinsel die Tropfen ab, die aufs Blech zu fallen drohten. Wie viele Herzen hatte er schon gebacken in seinem Leben? Waren es fünfzigtausend? Hunderttausend? Seit über zwanzig Jahren war Aurelio Zuckerbäcker. Neben all den Meringuetörtchen und Karamellbonbons, den Himbeerschnitten und Orangensoufflés waren ihm die Limonenherzen am liebsten, weil sie ihm die Stille schenkten.


Aurelio dachte an Elsa. Bald würde sie aufstehen, in der Küche hantieren und Selbstgespräche führen. Elsa redete gerne. Sie redete von morgens bis abends. Sie rief ihre Freundinnen an, tauschte sich mit den Nachbarinnen aus und plauderte mit dem Briefträger. Und wenn niemand da war, redete sie mit sich selbst. Sie redete beim Kochen, Essen und Abwaschen, beim Zähneputzen, Lichterlöschen und Zubettgehen. Elsa war genau so redselig  wie Aurelio schweigsam war. Er sagte die meiste Zeit nichts. „Hörst du mir überhaupt zu?“ fragte sie ihn um sogleich, ohne seine Antwort abzuwarten, mit ihren Berichten fortzufahren: Wie teuer seit der Kürzung der Landwirtschaftssubventionen die Tomaten geworden waren, dass das Neugeborene von Lucia Domenica einen schlimmen Husten hatte und die seit Wochen im Sterben liegende Mutter Pisani ihre Lieben noch immer nicht verlassen hatte, sondern neuerdings wieder jeden Abend nach einem Glas Rotwein verlangte.


Der Bäcker sah auf die Uhr. Es wurde Zeit, den Ofen vorzuheizen. Er seufzte. Es war ja nicht so, dass er seiner Frau nichts mehr zu sagen hatte. Gerne hätte ihr jeden Tag gestanden, wie begehrenswert er sie immer noch fand, wie stolz er war, an ihrer Seite zu sein und wie gut ihr Basilikum-Pesto schmeckte. Daran hatte sich nichts geändert. Seinerzeit hatte er das schönste Mädchen im Dorf vor den Altar geführt. Padre Benedetto war damals noch ein junger Vikar und ganz neu in der Gemeinde. Es war seine erste Trauung, weshalb ihm nach der Zeremonie trotz der jahrhundertealten, moderigen Kühle in der Kirche von San Vito der Schweiß auf der Stirn stand, als er endlich zu Aurelio sagte: „Nun darfst du die Braut küssen.“ Einen großen Blumenstrauß hatte Elsa im Arm als sie nach der Trauung neben ihm, Aurelio, oben an der Treppe der Kirche stand. Ihre Haare glänzten im Sonnenlicht, der Schleier wehte in der warmen Brise und die Zukunft lag in ihren strahlenden Augen.


Aurelio betrachtete die bepinselten Herzen. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatte Elsa ihn oft spontan und übermütig umarmt, ihn wegen seiner Schweigsamkeit geneckt und ihm abends ein Gute-Nacht-Lied vorgesummt. Aber mit den Jahren waren diese Spielereien nach und verschwunden und Zärtlichkeiten gab es fast keine mehr zwischen ihnen.


Sicher ist das meine Schuld“, dachte Aurelio. „Sie ist nicht glücklich mit mir, weil ich so still bin. Statt ihr tausend süße Worte ins Ohr zu flüstern habe ich tausend Herzen gebacken.“ Aurelio seufzte wieder und tauchte den Pinsel in den duftenden Guss, um das letzte der 151 Herzen zu bestreichen. „Ich sollte mir einen feineren Pinsel zulegen“, dachte er. „Dieser hier ist ja schon etwas abgegriffen, ein paar Haare sind ausgefallen und der Strich ist nicht mehr so zart wir früher.“ Als er fertig war, warf er einen letzten prüfenden Blick über die Plätzchen. Dann schob er die Bleche in den Ofen. Die Wärme, die ihm entgegenkam, roch nach all den Kuchenherzen, die er darin schon gebacken hatte.


Gerade hatte er die Ofentür geschlossen, da klopfte jemand an die Scheibe der Ladentür. Aurelio wischte seine Hände an der Schürze ab und ging nach vorn um nachzusehen. Draußen stand Padre Benedetto. Aurelio drehte den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür.


Guten Morgen Aurelio“, sagte er, „entschuldige die Störung, ich weiß, du hast viel zu tun.“ - „Aber nein, kommt doch herein“, sagte Aurelio.

Der Padre steuerte auf einen Stuhl an dem kleinen Tisch zu, wo üblicherweise die Hochzeits-Reservierungen und andere Bestellungen aufgenommen wurden. Er senkte seinen massigen Körper langsam auf den Stuhl, sein Gewicht machte ihm zu schaffen. Auch Aurelio setzte sich, in einiger Erwartung, was den Pfarrer so früh am Morgen zu ihm führte. „Für die Hochzeit?“ Er deutete auf den wärmenden Backofen. -„Ja“, sagte Aurelio.


Ja...“ sagte auch der Pfarrer und holte sein Taschentuch aus dem Kittel, um sich die Stirn zu trocknen, „diese Hochzeit.“


Wollt Ihr einen Kaffee?“ fragt Aurelio. Der Padre winkte ab. Aurelio rückte das Schälchen Konfekt auf dem Tisch in die Richtung seines Gastes.


Der Herr schickt uns immer wieder auf schwierige Wege“, hub dieser an. „Diese Trauung ist ein solcher Weg für mich. Glaube mir, Aurelio, manchmal habe ich große Zweifel daran, Mann und Frau zusammenzuführen.“ Aurelio sah ihn fragend an.


Es ist Fluch und Segen zugleich, die Beichte der Menschen entgegen zu nehmen, deren Lebenswege man begleiten darf“, fuhr der Padre fort. „Dabei wiegt mein Wissen um die Geheimnisse der Seele umso mehr, wenn eine Ehe ansteht, die im Grunde gar nicht gesegnet werden dürfte.“


Aurelio wusste nicht, was er davon halten sollte und zog es deshalb vor abzuwarten und zu schweigen. Gleichzeitig fragte er sich, was denn Don Benedetto dazu brachte, sich ausgerechnet ihm anzuvertrauen, wenn es um die Fragwürdigkeit der Ehe ging, ihm, dem stillen Ehemann und Zuckerbäcker.


Aurelio“, sagte der Pfarrer, „kaum je wünsche ich mir dringlicher, das Beichtgeheimnis mit einem anderen Menschen teilen zu dürfen, als bei den Irrungen der Geschlechter. Immer wieder treibt mich dieselbe Frage um: Welchen Sinn hat eine Ehe, wenn sie nicht von Herzen kommt?“


Dem Bäcker war klar, dass Don Benedetto etwas auf dem Gemüt lastete, das er für sich behalten musste. Und er selbst fand sich mitten in seinen frühmorgendlichen quälenden Gedanken wieder. Wie sollte ausgerechnet er sich zu einer solchen Frage äußern können? Er, der es nicht schaffte, seine Frau glücklich zu machen, weil er immerzu schwieg? Der ihr kaum noch eine Zärtlichkeit zu entlocken wagte? Der es seit Jahren nicht mehr über sich brachte, seiner Frau zu sagen, dass er sie begehrte?


Padre“, sagte Aurelio vorsichtig, „Ich bin wahrlich kein großer Meister ehelicher Geheimnisse. Alles was ich kann, ist Kuchen backen.“


Oh“, sagte der Pfarrer erstaunt, „dieser Ansicht bin ich ganz und gar nicht. Deine Ehe mit Elsa ist doch vorbildlich. Kaum einer im Dorf ist nicht voller Bewunderung, wie du es mit einer Frau aushalten kannst, die so viel redet. Und kaum einer, der nicht deine Elsa achtet, weil sie einen Mann erträgt, der so viel schweigt. Wer wüsste also besser Bescheid über eine gute Ehe als du?“


Damit erhob er sich von seinem Stuhl. „Deine Limonenherzen riechen wunderbar“, sagte er, „Ich wünsche dir einen gesegneten Tag.“


Nachdem er gegangen war, sank Aurelio auf seinen Stuhl zurück. Er hörte draußen die Vögel zwitschern. Im oberen Stock redete Elsa mit sich selber. Nach einer Weile stand er auf, öffnete den Ofen, holte die Bleche heraus und stellte sie nebeneinander auf den Backtisch. Eines der Herzen löste er vorsichtig vom Blech und legte es auf einen kleinen Teller. Dann stieg er damit die Treppe hinauf.


September 2011




Der Trauzeuge


von Maryvonne Fischer


Da schau her, der Enzo, unser Alpha-Tier. Macht auf Gefühlstheater, grosses Kino, dabei hat er die Hosen vollgeschissen vor Angst. Ihm bleibt ja keine andere Wahl als diese Babuschka abzuschleppen. Die Bosse werden ihn ganz schön unter Druck gesetzt haben. Wird ihm noch Leid tun, früher oder später, wenn er erst einmal merkt, an welcher Leine er dann gegängelt wird. Bin ich froh, dass ich nur eine kleine Nummer bin! Also ehrlich, wenigstens das alberne rumänische Hochzeits-Zeremoniell hätte er sich sparen können, das nimmt ihm sowieso hier keiner ab, der hat doch noch nie an nichts geglaubt! Ob die überhaupt auf dem Standesamt waren? Dem Enzo ist doch alles zuzutrauen, und die naive Babuschka weiß vielleicht gar nicht, wie hier in Italien eine Eheschließung abzulaufen hat. Extra einen Orthodoxen herbestellen! Den nimmt keiner hier ernst außer seiner Alten. Signora Clorinda, für die er das Ganze hier inszeniert. Enzo ist doch ihr kleines Schätzchen. Hängt immer noch an Mammas Busen, der Enzo, macht aber in der Szene auf Mister Oberwichtig.


Schau, schau, jetzt markiert der auch noch sein Revier und pinkelt in die Rosenbüsche, nicht zu fassen! Muss zwanghaft überall seine Duftmarke setzen, wie ein Hund. Vielleicht hat er zur Feier des Tages was eingeworfen von seinem eigenen Zeugs. Na, wenigstens lässt er sich die Feier hier was kosten, der Gute, und wir wissen ja woher die Kohle kommt. Muss halt allen zeigen, wer er ist und was er hat, bevor die Rumänen Gulasch aus ihm machen. Versprechen sich echt gute Geschäfte mit ihm, seit die mit Heroin anstatt mit Bräuten handeln. Diese Babuschka ist wahrscheinlich aus dem Sommer-Schlussverkauf, obwohl, eigentlich noch ganz passabel. Für einen Quicky noch ganz gut zu haben, wenn man ihr dafür was in den Busen steckt. Werden ja sehen, ob die noch trächtig wird, nachdem die Canettis mit dem tollen Enzo schon auszusterben drohten. Aber wer weiß, vielleicht ist was Kleines schon unterwegs?


Scheint dem Enzo gar nichts auszumachen, dass seine Braut da ohne ihn auf dem Rasen rumhüpft und mit jedem quatscht außer mit ihm. Als Weiberheld ist er ja eigentlich noch nie in Erscheinung getreten, was im Grunde komisch ist. Fast hätten wir ihn mal für schwul gehalten, aber wenn´s so wäre, könnte er wohl keiner Fliege was zu leide tun, und dass kann man von Enzo weiß Gott nicht behaupten. Trotzdem muss man sich doch wundern! Ist ein ganz knackiger junger Käfer, den die Rumänen ihm da unter die Bettdecke stecken. Da würde man doch wenigstens mal erwarten, dass die sich an diesem Tag mal küssen oder Händchen halten oder sich tief in die Augen gucken, aber nix da. Tut so als wäre er auf einer Generalversammlung anstatt auf seiner eigenen Hochzeit. Ob da wohl überhaupt was läuft zwischen den beiden? Mir kann’s ja eigentlich wurscht sein. Was einer nicht weiß, macht einen nicht heiß.


Ach, bei der Mamma, da kann er gerührte Tränchen zeigen, der süße Junge, bei der wird er richtig sentimental. Enzo, Enzo, was ist bloß bei dir schief gelaufen? Mamma Clorinda musste sich sicher tüchtig anstrengen ihr Ferkelchen zu erziehen. Ist ja nach ihm auch nichts mehr für sie gelaufen. Ein Einzelkind, und noch bevor der principino auf der Welt war, hat sich der Vater abgesetzt nach Südamerika und keiner hat ihn jemals wieder zu Gesicht bekommen, einfach weg! Na ja, lange hat er’s dort nicht gemacht. Nicht einmal im Sarg ist er zurückgekommen. War anscheinend nicht viel übrig von ihm, obwohl, warum der so brutal ermordet worden ist, hat man nie erfahren. Da hat sie dann nur noch ihren Enzo gehabt, die Alte – der musste eine große Lücke füllen. Drum ist der wohl so komisch drauf, ja genau, das wird’s sein! Hat ne Überdosis Fürsorge abgekriegt, und deshalb hängen ihm die Weiber sonstwo raus. Wenigstens hätte er eine gute Köchin heiraten sollen. Rumänischer Fraß, bäh! Bei ihm geht die Liebe bekanntlich über den Magen. Platzt aus allen Nähten in seinem schwarzen Festgewand. Also wenn es mal Ernst wird mit den Rumänen, weit rennen kann der nicht! Der fällt schon bei der ersten Jagd, und dann haben die Ausländer hier bald das Sagen. Und wenn seine Babuschka erst mal einen Bastard in das Rennen geschickt hat, können wir alle hier zusammenpacken.


Wie konnts nur soweit kommen! Die Herren der Welt waren wir, vom alten Rom bis heute. Und nun vertreiben die uns aus unserem eigenen Land - überall wo’s um Geld geht, diese Rumänen. Haben uns wohl gegenseitig viel zu oft bekriegt, und das ist nun der Preis: Enzo der Große tanzt nach der Pfeife fremder Herren im eigenen Land und auf seiner eigenen Hochzeit. Aber das Tanzbein bringt der ja gar nicht mehr wirklich zum schwingen mit seinem fetten Bauch. Hoffentlich bringt er wenigstens noch im Bett seinen Schlegel hoch, sonst muss er die Süße noch fremdbesamen lassen, damit Mamma Clorinda endlich auf ihre Kosten kommt. Hat ja genügend Jungs die ihm verpflichtet sind, haha, da wird er schon einen finden, der die Arbeit gern für ihn erledigt. Ist auch kein Riesenopfer bei dem süßen drallen Hüpfer. Vielleicht sollte ich mich selber bewerben. Man muss ja an die Zukunft denken. Kann nur gut sein, wenn der Enzo mir was schuldig ist... Jetzt geh ich mal rüber zu dieser rumänischen Rosalia, vielleicht habe ich bei der eine Chance.


September 2011





Die echte Salsiccia Contadina


von Maryvonne Fischer



Fein säuberlich schneidet Corrado das Filetstück in möglichst gleiche Grössen und in eine möglichst gleiche Form. Darauf ist er als Inhaber der Metzgerei immer stolz gewesen. Die Auslage muss ansprechen, schon auf den Tabletts soll die gute Qualität erkennbar sein. Eine Freude für die Käufer und eine Inspiration für die Wahl des täglichen Menüs. Zum Beispiel für eine feine Tagliata di Manzo an Balsamico oder ein Filetto di Manzo alla Boscaiola mit frischen Steinpilzen. In der Fleischauslage muss man eine Vielfalt von Möglichkeiten erahnen, aber es darf noch nichts fertig angerichtet sein. Er ist nie ein Freund davon gewesen, den Leuten schon die ganze Arbeit abzunehmen, das Fleisch vorzuwürzen und zu bepudern, mit fremdem Geschmack zu überdecken. Sonst könnte er sich seine Mühe sparen, und es wäre schade um die wunderbare Qualität des Grundprodukts, dass er verkaufen wollte. Eine Qualität, die man bei ihm noch sehen, riechen und erkennen kann.


Außer Petersilie oder einer Scheibe Zitrone kommt ihm keine Dekoration in die Auslage rein. Corrado will, dass man das zu schätzen weiß. Sollen die anderen Leute doch Tiefkühlware oder das Mikrowellen-Instantzeugs im Großmarkt kaufen oder gleich zum Fast Food gehen. Wenn die Leute wüssten, welche uralten Fleischwaren man da verarbeitete, würden sie den Fachhandel wieder achten lernen, denkt er, während er sein langes scharfes Messer abspült. Dann betrachtet er mit einem kleinen Glücksgefühl seine in der ganzen Region berühmte Spezialität, die Salsiccia contadina. Zu Hunderten hängen die scharf gepfefferten, in Kräutern gewälzten Schweinswürste an der rustikalen Decke der Metzgerei und verbreiten ihr Aroma. Die ganze Firma ist nach ihr benannt, Salsiccia Contadina SRL. Nein, von der Tradition des alten Handwerks kann ihn keiner abbringen. Und dieser Gianni mit seinem ständigen Drang nach Innovation und all dem neuen Schnickschnack soll ihm gestohlen bleiben.


In letzter Zeit ist es schwierig mit Gianni geworden. Corrado bereut immer öfter, ihm Anteile am Geschäft verkauft zu haben, obwohl er seinerzeit in einer finanziellen Klemme steckte und froh drum gewesen war. Aber so kann es nicht weitergehen. Sie sind einfach zu verschieden. Die Wut der letzten Monate hat sich in seine Magenwand gefressen und macht sich nun täglich stärker bemerkbar mit Brennen und Lodern und einer aggressiven Säure, die zuweilen überkocht und von starkem Husten und sogar Blut begleitet wird. Eine Entscheidung muss her und zwar sofort.


Corrado strengt sich an um zu hören was sein Teilhaber nebenan treibt, aber da ist kein einziges Geräusch außer dem Summen des Kühlschranks.


***


Salsiccia Contadina, Salsiccia Contadina. Gianni sitzt vorn im Laden auf einem Stuhl bei der Theke, ganz zusammen gesunken, weil das Stehen ihm zu beschwerlich ist. Tausend Gedanken schießen Blitze durch seinen Kopf. Die meisten machen ihm gute Laune, und das braucht er, denn seine Füße tun sehr weh.


Seit Corrado mit diesen langweiligen Würsten den ersten Preis bei der Landesschau gewonnen hat, gibt es für den nur noch die Contadina, stellt Gianni fest. Ist sein ganzer Stolz, obgleich doch der Vater dieses Wurstrezept erfunden hat und gar nicht er selber. Als wir uns zusammen getan haben, der Corrado und ich, hab ich jede Menge Geld ins Geschäft gesteckt und Know-how habe ich schließlich auch, aber meine Inspiration ist ja nicht gefragt. Interessiert ihn überhaupt nicht, wenn ich neue Wurstkreationen mache, wie unlängst meine Knoblauch-Parmigiano -Salami. Wäre sicher ein Hit geworden. Aber der hat einfach Angst davor, dass ich mit meinem Rezept auch mal einen Preis gewinnen könnte und er dann mit seiner Wichtigtuerei am Ende ist. War ja auch schön schlau, den größeren Anteil am Geschäft für sich zu behalten, damit er immer das Sagen hat und ihm keiner reinreden kann. So fällt es nicht mal auf, dass der Corrado rein gar nichts versteht von seinem Handwerk. Nie was Neues, nichts Originelles – dieser ungesunde dürre Hampelmann mit seinem ewigen Husten und einem Mundgeruch, dass es einen graust! Ekelhaft, total unappetitlich. Sollte sich endlich mal gründlich untersuchen lassen, sonst fällt er noch ohnmächtig in die Wurstbrühe, haha.


Hat ja auch nur ein ganz schwächliches Söhnchen in die Welt gesetzt, was Besseres konnte er nicht zustande bringen. Frisst nicht mal Fleisch, der junge Bursche. Weigert sich hartnäckig, auch nur in eine Wurstscheibe reinzubeißen, als wäre es Gift oder wer weiß was für ein ungenießbares Zeugs. Woher der das bloß hat? Und obendrein tut er noch so supergescheit, will wohl was Besseres werden als der Vater, will studieren. Ach, mir kann’s ja wurscht sein, wenn es nicht mit der Nachfolge klappt. Wenigstens wird der nicht mein Chef. Mein eigener Stammhalter, der wäre natürlich der Richtige. Das ist ein Kerl! Wenn der in seiner schwarzen Motorradkluft durchs Dorf stolziert denkt man, da kommt Sylvester Stallone. Der würde Schwung bringen in die Bude! Macht aber auch ohne Corrado und seine Metzgerei seinen Weg.


Trotzdem, für Giorgio muss ich endlich etwas tun, muss mein Kapital hier retten, bevor es zu spät ist und ich selber nicht mehr kann. Seitdem die Gicht so schlimm geworden ist, macht mir das Leben keinen Spaß mehr. Abends hänge ich nur noch vor der Glotze, kühle mir die Zehen und kann der Alten nicht entkommen. Die meckert ständig an mir rum, weil sie auf der Kirmes das Tanzbein schwingen will. Hat ja keine Ahnung wie mir ist mit diesen Schmerzen, überall entzündete Knoten an Händen und Füssen. Wer weiß, wie lange ich noch mein Handwerk ausüben kann. Gott sei Dank ist mir die Idee mit der Fast Food-Kette gekommen. Die haben echt Interesse an neuen Würsten und überlegen sich, meine „MacSchweini “ ins Sortiment zu nehmen. Wird bestimmt ein Hit mit Riesenprovision. Dann kann ich meinem Filius auch ein Erbe hinterlassen und er ist gar nicht auf den ollen Laden hier angewiesen. Die Contadina ist doch völlig überholt, total altmodisch! MacKotelett müssen die Dinger heute heißen, oder MacKroko oder MacStrauss oder MacKongo, muss niemand genau wissen was drin ist, vielleicht verwursten wir sogar den Corrado selbst, obwohl – lieber nicht, dass wäre nämlich nur die Light-Version von einer Salami, hahaha, sehr fettarm. MacCorrado für die figurbewusste Dame.


Mein Fast-Food-Heini, der kommt sicher schon heute im Geschäft vorbei. Hat sich ja gestern telefonisch angesagt. Ich muss aber aufpassen, dass Corrado keine Lunte riecht, sonst kriegt der gleich wieder seinen Husten und dann hab ich am Ende Schuld, wenn er plötzlich tot unter seinem Tresen liegt. Am besten gehe ich mit dem Typ gleich in die Bar was trinken. Aber der will ja unbedingt noch den Betrieb sehen, bevor er mit mir Geschäfte macht und unterschreibt. Na, wenigstens hab ich ihm deutlich gesagt, dass mein Geschäftskumpan auf keinen Fall Wind von der Sache kriegen darf, bevor der Deal spruchreif ist. Ein ordentlicher Vorschuss muss auch drin sein. Anschließend mache ich mich dann gleich vom Acker. Mein eigener Herr und Meister werden, endlich tun, was ich will, meine Kreativität ausleben! Und so wie es ausschaut, sind die ja scharf auf meine Kreationen. Wollen sicher jeden Monat eine neue Wurstvariante, MacBali, MacFiji, MacHulahoop im Sommer... aber das kriegen wir schon hin. Ein bisschen anderes Gewürzpulver, ein bisschen Farbe, ein bisschen Hokuspokus und fertig ist die neue Wurst. Vielleicht drucken sie am Ende noch mein Foto auf die Verpackung oder noch besser meinen Giorgio auf die Servietten. Dann hat auch unsere Mamma etwas davon und kann endlich mal stolz sein auf unseren Schatz und gibt hoffentlich Ruhe mit ihrer ewigen Nörgelei.


Corrado? Der muss dann schon selber schauen, was er aus seinem Leben macht. Ohne mich bricht doch hier alles zusammen. So langsam, wie der sein Gulasch schneidet, bekäme er in meiner eigenen Metzgerei nicht mal einen Posten. Werde mir wohl Jungs aus Rumänien holen, oder ein paar Polen, die noch ordentlich schuften können. Da muss man auch kein dummes Geschwätz hören oder aufpassen, was man sagt, weil die sowieso kein Wort verstehen. Wurst mit Brot, Brot mit Käse, der Schlafsack und ein bisschen Knete obendrauf, sofort läuft der Laden von ganz alleine. Mein Giorgio kann gleich als Geschäftsführer einsteigen und muss nicht ewig den zweiten Mann machen wie unsereins all die ganzen Jahre. Ist ja bald dreißig, da wird`s Zeit. „Piccobello Enterprises“, so könnten wir die Firma nennen. Es müsste schon was Internationales sein im Namen, weil wir bald die ganze Welt beliefern, vielleicht gar an der Börse landen. So eine Marke soll Eindruck machen. Dem Typen von der Fast-Food-Kette muss ich heute gleich klar machen, dass wir den Firmennamen ändern werden. Und Markenschutz beantragen. Wer will schon internationale Geschäfte mit der Salsiccia Contadina SRL machen? Damit ist jetzt Schluss und... ach, da läutet es ja schon!


Guten Tag, es geht um den Auftrag. Ich hatte gestern angerufen.“ -„Oh, oh, mein Großauftrag! Sehr erfreut, sehr erfreut. Ich bin Gianni Moroni, der Inhaber.“ - „Na ja, so groß ist der Auftrag auch wieder nicht. Ich bin nur vom Catering Service hergeschickt worden. Wir organisieren einen Antipasto für ca. 150 Personen, kleine ländliche Hochzeit im Freien. Wir wollen aber für alle Gäste die Contadina bestellen, weil die so beliebt ist, etwa 8 kg in Scheiben, und dazu noch fünfzig Fleischspieße.“ -„Wie bitte, eine Hochzeitsfeier, kein Großauftrag? Und ich dachte, Sie seien von der Fast-Food-Firma! Ach ja, na gut, da muss ich gleich mal den padrone holen gehen. Einen Moment.“


Aus seinen Zukunftsfantasien gerissen und in der schnöden Realität gelandet läuft Gianni in Richtung Wurstküche: „He, Corrado, hör auf zu träumen und schwing dich rüber in den Laden, wir müssen reden, Alter.“


Corrados Magensuppe kocht über, er presst die Faust in seinen Bauch und stöhnt. „Was denn schon wieder - reden, reden, immer reden, mir reicht es jetzt und für alle Zeiten! Ich habe genug von deinem Jammern und Herummeckern. Du machst mich krank, du bist schuld an allem. Ich kann deinen Anblick nicht mehr ertragen! Machst mir mein Geschäft kaputt mit deiner Heimlichtuerei, deinen verrückten Ideen und deiner ewigen Krittelei. Hau ab und geh mir aus den Augen.“


Gianni rennt auf ihn zu. Und Corrado, den würgt es und brennt es. Eine schlimme Hustenattacke überträgt sich ungebremst auf seinen Arm. Er rammt seinem Kompagnon mit voller Wucht das gerade abgespülte Messer in den Bauch, als müsste er ein Schwein schlachten. Das Blut spritzt auf die weißen Kacheln. Gianni taumelt mit aufgerissenen Augen rückwärts und fällt wie ein Baumstamm zu Boden. Der Kunde betritt den Arbeitsraum und stammelt etwas von Hochzeit und Würsten. Corrado kommt zur Besinnung. Als er sieht, was er angerichtet hat, muss er kotzen. Ohnmächtig stürzt er neben Gianni in die rote Lache. Der rührt sich nicht, gibt keinen Laut von sich. Liegt nur stumm da. Ein Gestank von Erbrochenem breitet sich aus und von frischem Blut, das anders riecht also sonst. Stille herrscht im Raum als wären alle tot. Der Mann vom Catering wankt nach vorn in den Laden um den Krankenwagen zu rufen.


September 2011



Die Schandhochzeit


von Marcel Felder




Non voglio! Toni hat sich entschieden. Auf der Toilette des ländlichen Anwesens, auf dem die italienisch-rumänische Hochzeit seines Freundes Enzo Canetti gerade im Gang ist, betrachtet er sich im Spiegel. Falten durchfurchen seine Stirn. Seine dunklen Augen funkeln ihm entschlossen entgegen. "Nein, ich will nicht“, sagt er zu seinem Spiegelbild. Der Geruch von abgestandenem Urin und Fäkalien sticht ihm in die Nase. Toni muss an Enzo denken.


Sein Schulfreund hatte ihn drei Tage zuvor mitten in der Nacht angerufen. „Du musst für mich einspringen, Toni.“ Es war wie üblich keine Bitte, sondern ein Befehl. „Komm sofort zu mir.“ Die Stimme seines Freundes klang seltsam. Als Toni mit seinem grünen Fiat vor Enzos Villa vorfuhr, lief ihm sein Freund im seidenen Schlafrock entgegen, in der Hand ein Stück Papier. „Um es kurz zu machen. Ich bin zeugungsunfähig.“ Enzo  flüsterte nur und hielt Toni den Laborbericht vor die Nase. „Verdammte Scheiße. Und das drei Tage vor meiner Hochzeit.“ Der Griff der Autotür entglitt Toni und ein Knall hallte durch die Nacht. Enzo zuckte zusammen und sah sich ängstlich um. Kurz darauf saßen sie in der Gartenlaube neben dem Swimmingpool und tranken ein Glas Barbaresco nach dem anderen, wie früher, als sie noch zur Schule gingen. „Du musst für mich einspringen, Toni, sonst blamiere ich mich vor der ganzen Welt.“


Schweigend sahen sich die beiden Freunde an: "Verstehe ich dich richtig, Enzo, du willst meinen Samen?" Toni konnte selbst nicht glauben, was er da gerade von sich gab. "Mensch, für dich ist es doch egal, wo du deine Spermien reinspritzt“, rief Enzo, „du hast ja schon zwei wunderbare Kinder. Für mich geht es aber um meine Zukunft und noch viel mehr. Ja genau, ich will deinen Samen." Wiederum war es keine Bitte. Toni meinte, den Schimmer einer Träne in Enzos sonst so selbstbewussten Augen zu sehen. Diese unverwechselbaren forschen Augen, die jedem Blick standhalten konnten und nie auch nur eine Sekunde verunsichert in die Welt geblickt hatten. Diese harten, herrschsüchtigen Augen. Enzos Mutter, Signora Clorinda, hatte die gleichen. Seit gut zwanzig Jahren setzte sie Enzo  mit ihrem gebieterischen Blick unter Druck. Und wenn Signora Clorinda ihrem Sohn gegenüber auch nie über ihre Wünsche sprach, so war die Forderung in ihren Augen doch eindeutig: Ich will einen Enkel.


Dieser Blick seiner Mutter war das einzige auf der Welt, das Enzo hin und wieder verlegen auf den Boden starren ließ. Doch da saß er nun in der Laube seiner Villa zum ersten Mal auch vor seinem alten Freund mit gesenktem Blick, der stolze Enzo. Toni stellte das Weinglas auf den Gartentisch, rückte etwas näher an ihn heran und legte ihm seinen Arm um die Schultern. Enzo schmiegte sich an Toni. "Du wirst es nicht bereuen, mein Freund, Geld ist kein Thema“, flüsterte er. „Ich beschaffe dir alles was du willst.“ Dass dies keine leeren Versprechungen waren, war Toni durchaus bewusst. Doch die Worte „mein Freund“ bekamen für ihn in dieser Situation eine überraschend neue Bedeutung. Seltsam. Enzo sagte das nicht oft. Und während diese innige Anrede Tonis Herz sonst vor Stolz etwas höher schlagen ließ, trieb sie jetzt Schweiß auf seine Stirn. Unerwartet stand Enzo auf, hob das Weinglas und erklärte in seiner gewohnten Art, die keine Widerrede duldete: „Du schläfst einfach mit ihr, basta. Ist schließlich ne heißblütige Rumänin. Wirst sicher Spaß haben. Erst komm ich dran, dann du.“


Toni schluckte. Ein reizendes Angebot für einen zweiundfünfzigjährigen Ehemann. „Ist doch viel einfacher als deine Spermien in einem Reagenzglas mit Schwämmchen wohlbehütet von Haustür zu Haustür zu bringen, wie andere Männer das tun.“ Enzo hatte offensichtlich seinen Galgenhumor wieder gefunden. „Lass mir Zeit bis morgen“, sagte Toni nur und stieg ins Auto. Aber die Aussicht auf eine Sex-Nacht mit der zweiundzwanzigjährigen Rosalia machte ihm in diesem weindurchtränkten Moment noch nicht das geringste Problem. Während er hoffte, keiner seiner Kollegen würde ihn anhalten und kontrollieren, erfüllten ihn berauschende Vorstellungen. Er sah sich als Grafen, der das köstlich jungfräuliche Fleisch von Rosalia in Besitz nahm. Jus primae noctis. Welcher Mann konnte da wiederstehen? Dann fiel sein halb betrunkener lüsterner Blick auf die dunkelblaue, goldbetresste Dienstmütze auf dem Beifahrersitz und die Fantasien nahmen ein jähes Ende.


Der Klogeruch holt Toni aus seinen Erinnerungen. Mit zittrigen Fingern glättet er sich die Sorgenfalten aus dem Gesicht. Er weiß, dass sein Entschluss richtig ist. Seine Frau würde seine Samenspende niemals billigen, so gut meint er sie zu kennen, und Heimlichkeiten gibt es weiß Gott genug in seinem Leben. Zuviel steht auf dem Spiel. Und wenn das Brautpaar nicht dicht hält? Nein und nochmals nein. Meine achtzehnjährige Ehe und mein mühselig erworbenes Ansehen werde ich nicht unnötig gefährden. Auch nicht für meinen Freund. Mit dieser privaten Sache will ich nichts zu tun haben.


Toni, Carabiniere von Costozza, der für den festlichen Anlass seine nachtblaue Dienstuniform mit dem herrlich roten Seitenstreifen an der Hose gegen einen dunklen Anzug eingetauscht hat, wäscht sich die Hände. Ein Seufzer der Erleichterung, in dem das leise Bedauern über die verpasste Gelegenheit mitschwingt, besiegelt seinen Entscheid. Er richtet sich mit einem selbstzufriedenen Lächeln auf. Gerade will er wieder zur Hochzeitsgesellschaft zurückkehren, da steht Enzo im Türrahmen, ein freches Grinsen im Gesicht. "Dein kleines spritziges Hochzeitsgeschenk wird mir und Rosalia mit Sicherheit viel Freude bereiten, mein Lieber.“ Die Holztür fällt ins Schloss und diesmal ist es Toni, der zusammenzuckt. Stille. Zwei gutmütige braune Augen versuchen einem fordernden Augenpaar Paroli zu bieten. Nach Sekunden weicht Toni dem Blick seines Freundes aus. Er dreht sich um und betrachtet von neuem sein Spiegelbild. „Nein, ich will nicht“, wiederholt er laut die Worte, die das Gesicht im Spiegel ihm einige Minuten zuvor gesagt hatte. Jetzt ist es heraus. Erleichtert lehnt sich Toni mit vorgerecktem Kinn und vor der Brust verschränkten Armen gegen die hölzerne Scheidewand der Toilette. Enzo lacht: „Zehntausend Euro, zwanzigtausend?“ Toni wünscht sich seine Dienstuniform herbei. „Weiß Rosalia eigentlich von deinem Treiben?“ - „ Ich regle das schon. Soll das jetzt ein Verhör werden oder was?“ Enzo wird ungeduldig und lässt sich zu Worten hinreißen, die er selten über die Lippen bringt: „Ich habe in dieser Sache nur dich, Toni, mein liebster Freund, bitte, hilf mir. Ich flehe dich an.“ Die Not, die Enzo dazu antreibt, fast vor ihm nieder zu knien, lässt Toni nicht ganz kalt. Doch diesmal wird er sich nicht überreden lassen. Nein. Bestimmt nicht. Diesmal wird er die Achtung vor sich selbst nicht verlieren. „Hör zu, Enzo. Ich verstehe dein Problem. Wirklich, ich versteh´s. Aber es gibt viele andere Möglichkeiten an ein Kind zu kommen - Pflege, Adoption, was weiß ich. Und wenn denn deine Rosalia unbedingt die Mutter sein soll, sind da noch andere Männer und andere Samenspender als ausgerechnet ich. Respektiere mich einfach. Es geht nun einmal nicht.“


Toni will sich an Enzos breiter Statur vorbei ducken. Da streckt der Bräutigam seinen Arm aus und versperrt ihm den Weg. Enzo ist es gewohnt, dass man ihm seine Wünsche erfüllt. Er hat schon einiges getrunken, das riecht man. Schwer atmet er in Tonis Gesicht und starrt ihm wütend und verschlagen in die Augen. - "Du zwingst mich also, mit deiner Vergangenheit auszupacken? Das wird deine Frau aber freuen.“ Toni bleibt stehen. Erpressung. Sein Freund wird doch nicht etwa... nicht am Tag seiner Hochzeit... Enzos Mund nähert sich in Zeitlupe seinem Ohr und leckt es mit der Zungenspitze. „Na, mein Bester, was ist denn aus all den vielen Frauen geworden, mit denen geheime Affären hattest?“


Toni ist fassungslos, kann nichts erwidern. „Und da waren doch auch noch ein paar überaus gutaussehende muskulöse junge Männer, nicht wahr?“ Enzo drängt sich an Tonis Körper, schiebt ihn gegen die grünlich getünchte Wand und drückt seine kräftigen Finger in Tonis Pobacken: „Und da waren – da waren doch auch noch wir zwei?“


Nach Luft schnappend liegt Toni in den Armen seines Freundes, wie damals in der Schule, als sie sich zwischen Pissoirs und Kloschüsseln leidenschaftlichem Sex hingegeben hatten. Bis zum heutigen Tag haben sie es geheim gehalten, haben nie wieder darüber gesprochen. Später fing Enzo dann an, recht offen zu seiner Bisexualität zu stehen. Inzwischen ist darüber niemand mehr verwundert, denn Enzo macht im Leben immer das, was er will und nimmt sich ohne Wenn und Aber was er braucht.


Toni ist erstarrt. Einen Moment lang bleibt die Zeit stehen. Laut dringt rumänische Volksmusik durch die halboffene Tür. Das Gurren einer Ringeltaube, die sich im offenen Dachstuhl niedergelassen hat, lässt Toni wieder zur Besinnung kommen. Ein heftiger Stoß katapultiert Enzo gegen das Waschbecken. „Wie kannst du nur... pezzo di merda!“ Toni spuckt auf den Boden und rennt wutentbrannt nach draußen.


Das Lächeln seiner Frau Carla empfängt ihn. Sie steht neben dem Grill, auf dem die Spareribs, Würste und Hähnchen gebraten werden. Zärtlich drückt Toni ihre Hand, sie darf ihm nichts anmerken. Trotzdem fragt sie: „Was hast du denn?“ – „Ach, gar nichts, Carla, ist alles in Ordnung.“ Sie wundert sich nur über die Farbspuren wie von grünlichem Mehl auf dem Rücken seines dunklen Anzugs.


Die Hochzeitsgesellschaft hat sich schon zum Essen niedergelassen. An den großen runden feierlich gedeckten Tischen die man im Freien aufgestellt hat, werden die Platten herumgereicht. Beim Ausgang stehen zwei von Enzos Leibwächtern und Drogenkurieren, wachsam und gelangweilt. Toni wird übel, er muss sich an der Wand abstützen. Er denkt an seinen Maresciallo, an seine Dienstehre, an das Ende seiner Karriere und an die Schande über seiner Familie. Wer hat mehr Macht - er als Polizist mit einwandfreiem Ruf, oder sein Freund der Drogendealer mit den schmierigen, todbringenden Geschäften?


Rosalia, die rumänische Braut, steht allein auf dem Rasen. Sie wendet der ganzen Feier den Rücken zu. Ihre mächtig aufgeputzte Verwandtschaft bemüht sich um den Geistlichen, der das Paar nach orthodoxem Ritus eingesegnet hat. Alles wartet auf den Bräutigam. Und da kommt er schon, die Mutter am Arm. Er lächelt wie nur ein Sieger lächeln kann. „Schöne Braut!“ ruft er, “komm doch mal her zu mir! Lass uns anstoßen! Auf unser Glück und unsere Kinder!“


September 2011



Mamma Clorinda


von Maryvonne Fischer


Sie war hart geworden, schon früh in ihrem Leben, das ihr die Hoffnung auf Glück so schnell zunichte machte. Ihr Carlo war keine große Liebe gewesen, mehr Pflicht als Neigung, eine Heirat, wie es sich gehörte und die Tradition es gefordert hatte. Er passte zu ihr, war vom gleichen Stand. Seine Familie hatte das Sagen im Dorf und das junge Paar genoss einen hohen Respekt. Ein Respekt, der mehr in Angst begründet war, obwohl man nichts Genaues wusste. Clorinda wollte davon nichts wissen. Es war halt so wie es immer war. Den Ruf des Anführers musste sich Carlo zuerst noch verdienen und so war es vorgesehen, dass er in Argentinien Fuß fassen und das Textilgeschäft seiner Familie ankurbeln sollte.


Das in ihr heranwachsende neue Leben, die zukünftige Rolle als Mutter, die feine Aussteuer des Babys – das erfüllte sie mit Freude und stolzer Erwartung. Sie vermisste ihn nicht, den Ehemann, nach dessen Abreise nach Südamerika. Trotzdem hatte die Nachricht des Todes eine große Lücke in ihr Leben gerissen. Wer hätte diesen Schmerz für möglich gehalten? Sie waren ja schon eine geraume Zeit getrennt, was sie gar nicht weiter bekümmert hatte.


- Auguri, Signora Clorinda, auguri! Sie müssen sehr froh sein an diesem großen Tag ihres Sohnes. Und sicher auch stolz auf seine hübsche Braut. Der Glückliche! Was für ein prächtiges Paar. Bestimmt werden Sie schon bald mit einem Enkel gesegnet sein!


Sie war Witwe noch bevor sie eine stolze Mamma wurde, und das passte gar nicht in ihr Bild von der ehrbaren Frau eines geachteten Mannes, von dessen Autorität auch ihre Kinder profitieren sollten. Mit dem Tode von Carlo war sie aus dem System heraus gefallen und durch die Aufgabe, eine alleinstehende Frau zu sein, schwer geschlagen. Unmittelbar fand sie sich in der Rolle der Außenseiterin. Eine, die ab sofort nur noch geduldet war. Es war, als hätte man ihr die Kleider vom Leibe gerissen. Fortan trug sie nur noch schlichtes Schwarz, wie es sich für eine Witwe gehörte. Die Lücke der ehrenwerten Signora wurde schnell von anderen weiblichen Verwandten gefüllt, damit das System wieder seine Ordnung hatte. Das Schweigen der Familie über die dubiosen Umstände des Todes in Argentinien war unheimlich, und der abrupte Verlust ihres Status ließ Böses ahnen. Aber zu ihrem eigenen Schutz und zum Wohl des Kindes stellte sie keine Fragen. So war es Tradition und ihre scheinbare Ahnungslosigkeit bewahrte sie vor weiterem Unheil. Der kleine Enzo machte ihr viel Freude, er war ihr ein und alles. Trotzdem wurde sie jahrelang von Depressionen gequält und wünschte sich oft sie wäre tot.


- Congratulazioni, Signora Clorinda. Mein Mann und ich hatten gar nicht mehr damit gerechnet, dass ihr Enzo noch heiraten würde. Wir hatten eigentlich immer den Eindruck, dass er sich nicht allzu sehr für Frauen interessiert. Inzwischen ist er doch sicher schon fünfzig - und jetzt plötzlich eine so junge und bildschöne Braut? Ach, wie freuen wir uns für Sie, Signora Clorinda, dass es nun doch noch geklappt hat. Vielleicht werden Sie ja bald Großmutter? Ist denn schon was Kleines unterwegs? Wäre das nicht fein für Sie! 


Sie hatte den Jungen Enzo Luigi getauft. Nach ihrem eigenen Urgroßvater, der ein hoch geachteter Herr gewesen war. Ein enger Freund von Mussolini, worüber man zwar besser schweigen sollte, aber sie betrachtete den Namen mit geheimem Stolz als gutes Omen. Der Junge war anfangs sanft und ein ruhiges Kind, als wolle er auf sie Rücksicht nehmen und ihr nicht noch tiefere Furchen in die Wangen graben. Früh hatte er sich um sie gekümmert und mit guten Noten versucht ihr das Leben leichter zu machen. Kleine Blumensträußen und kindliche Zärtlichkeiten bewiesen ihre Verbundenheit, der einzigen, die sie noch hatte.


Der Überlebenskampf in der Schule und die unterschwellige Ablehnung im Dorf hatten Enzo dann langsam härter gemacht, wobei ihm seine imposante Gestalt und ungewöhnliche Größe dabei hilfreich waren. Sie hatte ihn immer gut bekocht und umsorgt und wollte allen beweisen, dass sie eine erstklassige Mutter war. Der Tod des Vaters sollte ihm seine Bestimmung für gesellschaftliche Macht und familiären Einfluss nicht streitig machen. So war es immer gewesen und so sollte es auch bleiben. Heute an diesem großen Tag, so hoffte Clorinda, würden alle ihre Wünsche erfüllt. Enzo Luigi hatte ihr die Würde zurückgegeben, wenn auch spät, denn sie war bereits weit über siebzig. Ab heute werde ich wieder farbige Kleider tragen, beschloss sie, elegante Sachen, um die man mich gebührend beneiden soll, und auch diese Entscheidung, sich wieder mehr als Frau zu zeigen, brachte ihr noch ein spätes Glück.


- Complimenti, Signora Clorinda, ich beneide Sie um ihr wunderhübsches Kostüm! Genau das Richtige am schönsten Tage ihres Sohnes. Von Luisa Spagnoli, nehme ich an? Diese dunkelrote Seide und die feinen Schuhe, wirklich sehr elegant. Ist die Tasche auch neu? Sie platzen sicher fast vor Stolz auf ihren Enzo. Was für ein großartiges Paar. Er könnte natürlich fast ihr Vater sein, aber das macht ja nichts. Das sind oft die besten Ehen, wenn eine Frau die feste Hand ihres Mannes spürt. Das Mädchen wird Ihnen sicher eine gute Tochter werden und sich tüchtig um den Haushalt kümmern, sowas wird ja mit dem Alter immer wichtiger für Sie, Signora Clorinda. Und in ein paar Jahren haben Sie dann auch jemanden im Haus der sich um Sie kümmert, wenn Sie mal nicht mehr so können. Aber heute geht es ihnen ja noch gut! Oh wie glücklich Sie sich schätzen können! Wirklich zu beneiden!


Diese Hochzeit und die Wahl der ausländischen Braut hatten trotz aller festlichen Vorbereitungen einen gewissen Trübsinn nicht verscheuchen können. Ihr Enzo hatte sich so ganz anders entwickelt als sie es für ihn geplant hatte. Seltsame Geschäfte, Geld, von dem man nicht wusste, woher es kam, und diese vielen jungen Burschen mit Goldkettchen, die um ihn herumscharwenzelten! Dunkle Ängste und eine unbestimmbare Trauer schlichen sich in ihr Gemüt, während sie die Glückwünsche entgegen nahm, und sie ahnte nicht Gutes für ihren Sohn. 


- Mamma, ich bitte dich, mach dir nicht so viele Sorgen. Du siehst ja ganz verbittert aus. Los, lach doch mal! Dein Enzo feiert Hochzeit! Darauf hast du dich doch schon so lange gefreut. Endlich eine Hochzeit, eine tolle Schwiegertochter wie die Rosalia, ein Enkelkind. Sie wird dir bestimmt große Freude machen und dich später ganz lieb pflegen können.


Nicht genug, dass die Braut eine Ausländerin war, aber warum ausgerechnet eine Rumänin, ausgerechnet? Das waren doch alles ganz rohe ordinäre Leute. Man lästerte schon über sie, dass konnte sie spüren und sie redete auch selber mit sich und fragte sich immer wieder, ob sie den Sohn vielleicht zu sehr an sich gebunden hatte. Ihr Instinkt sagte, dass mit ihm und dieser Frau etwas nicht stimmte. Da waren keine Gefühle zwischen den Brautleuten, und auch keine Zärtlichkeit. Das Ganze war ein Geschäft und sie als Mutter, als alte, unwichtige Frau, sie musste sich fügen und würde wohl nie erfahren, welcher Handel dieser Verbindung zu Grunde lag. Deshalb war sie wütend auf die gekaufte Braut und ihr Gefolge, finstere Gestalten mit Schnurrbart und Kopftuch, die so gar nicht in ihr Leben passten und nicht einmal richtig Italienisch konnten. Das soll mein Glück für die Zukunft werden? haderte sie. Aber wenigstens so tun als ob, die Hochzeit ist besser als gar nichts.


- Clorinda, meine Liebe, auguri! Was sagt man zu so einer tollen und sehr jungen Braut! Mein Gott, wer hätte das gedacht, wo man den Enzo doch meistens mit Männern gesehen hat. Ist ja auch in Ordnung, heutzutage sieht man das wohl nicht mehr so eng, soll ja auch genetisch bedingt sein. Und nun das! Du bist bestimmt sehr stolz und zufrieden, was? Hast es auch verdient nach all den schweren Jahren. Ich sage dir, meine Liebe: Gott sei Dank, dass noch alles gut ausgegangen ist. Darfst du dich denn schon auf Nachwuchs freuen? Mir kannst du´s ja ruhig verraten! So ein Enkelchen, das ist doch das einzig Wahre für uns Alte, da fühlt man sich wieder jung, stimmt´s? Das darf ich dann doch auch mal im Arm halten, wo ich doch deine Cousine bin, versprich´s mir.


Tränen rannen aus Signora Clorindas Augen und tropften schwer auf die dunkelrote Seide des Kostüm. Alle, die das sahen, dachten: Das sind die lang ersehnten Tränen des Glücks. 


September 2011



Ihr schönster Tag


T.K.



Marias Haar ist weiß. Ihre Hände sind rau und faltig von der Arbeit auf den Feldern und im Haushalt. Sie ist zweiundsiebzig. Drei Kinder hat sie groß gezogen, zwei stramme Jungs und dann noch ihr Nesthäkchen Rosalia. Die Kleine wurde vor gut zweiundzwanzig Jahren geboren, als die Söhne längst aus dem Haus waren, in Bukarest auf dem Bau schufteten. Die zwei stattlichen Kerle waren ihr ganzer Stolz. Aber Eugeniu hatte sich immer noch ein kleines Mädchen gewünscht.


Mit fast fünfzig hatte sie keine Tage mehr. Maria konnte daher gar nicht mehr mit einem Kind rechnen. Sie dachte, sie müsse nicht mehr aufpassen. Dann nahm sie zu. Ihr Bauch wurde dicker und dicker, aus heiterem Himmel wurde ihr speiübel. Sie fürchtete sich anfangs vor einer Krebsgeschwulst. Eugeniu arbeitete wie sie auf der Kolchose als Landarbeiter und für einen Arzt in der Hauptstadt war kein Geld da. So blieb nur die Kräuterfrau im Dorf. Die lachte schallend als Maria zitternd bei ihr saß, klatschte auf ihre üppigen Schenkel und verkündete: Du bist im sechsten Monat! Merkst du denn nicht, wie es tritt? Schnell war das im Dorf herum. Donnerwetter, der Eugeniu! Ja, so ging das damals.


Jetzt sitzt Maria alleine in der Plattenbausiedlung am Rand von Bukarest und bezieht ein spärliches Auskommen vom rumänischen Staat. Eugeniu ist seit Jahren tot, deshalb lebt sie in der Stadt in der Nähe der Söhne. Ihre Tochter hat sie mitgenommen. Rosalia sollte eine Ausbildung machen, etwas Besseres werden, im Büro arbeiten oder Schneiderin werden, eine anständigen Beruf haben und über ihr Leben selbst bestimmen können. All das, was Maria verwehrt geblieben ist. Und dann verschwindet ihre Rosalia bei Nacht und Nebel, weg ist sie, einfach abgehauen.


Maria hatte gehofft, Rosalia würde sich um sie kümmern, bei ihr sein, wenn sie krank und hinfällig wird, jetzt wo das Herz müde ist und nicht mehr so mitmacht. Jetzt, wo sie nur noch unter Mühe die Treppen hoch kommt, oft nachts unter Luftnot leidet und mit großen Ängsten im Bett liegt, weil sie spürt, wie ihr das Herz bis zum Hals schlägt.


Endlich kommt von ihrer Tochter eine Ansichtskarte, aus Italien, aus dem Veneto. Hier arbeitet sie auf den Feldern eines italienischen Großbauern mit vielen anderen rumänischen Frauen, genau wie seinerzeit ihre Mutter. Maria ist wütend und enttäuscht. Irgendwann noch ein knapper Brief, in dem Rosalia schreibt, sie habe einen gewissen Enzo kennengelernt. Er sei  ein angesehener Mann, wohlhabend, eine gute Partie, jetzt sei sie verlobt. 


Maria läuft mit dem Brief zu ihrer Freundin und liest ihn ihr vor, die telefoniert mit ihrem Cousin im Veneto, der zieht Erkundigungen ein, der ruft bei Marias Freundin an und berichtet. Was sie da erfährt, beunruhigt sie und lastet auf ihrem Herzen wie ein Fels. Dieser Enzo soll siebenundzwanzig Jahre älter sein als Rosalia und handelt mit Drogen. Unbeholfen schreibt sie an ihre Tochter. Komm doch nach Hause, lass das mit der Hochzeit sein. Rosalia antwortet nicht. Maria besprich sich mit ihren Söhnen, die zucken nur mit den Achseln. Ach Gott, Mutter, stell Dich doch nicht so an. Rosalia geht es dort gut, sie macht was aus ihrem Leben, lass sie in Frieden! Die Söhne haben ihre eigenen Pläne. Heiratet Rosalia diesen einflussreichen Mann, sehen sie auch für sich gewisse Vorteile. Vielleicht können sie ja für ihn arbeiten und etwas vom Kuchen abbekommen.


Maria sitzt auf  dem Küchenstuhl, den sie aus dem Dorf mit in die Stadt gebracht hat und stiert auf die Einladungskarte zur Hochzeit. Sie kocht vor Wut. Mehr aber noch ist sie enttäuscht, dass ihre Tochter so verdammt käuflich ist. Sie fragt sich, welchen Preis diese Heirat von Rosalia noch fordern wird. Das soll Liebe sein? Sie selbst hat Eugeniu nicht aus Liebe geheiratet. Das war damals nicht üblich. Seine Eltern lebten auch im Dorf. Man kannte sich, war im gleichen Alter, und als es so weit war, wurde eben geheiratet, fertig.


Nun dies. Eine Tochter die abhaut, einen viel älteren Mann heiratet, einen Drogenhändler und wer weiß noch was. Maria hat einen bitteren Geschmack im Mund. Sie faltet die Hände und legt sie in den Schoß auf die schmuddelige Kittelschürze. Ihre Augen lösen sich von der Einladungskarte, schweifen durch ihr Zimmerchen, das Küche, Schlafstatt und Wohnraum zugleich ist. Traurig betrachtet sie das Foto auf der Anrichte, die sich neben das Sofa drängt, auf dem sie schläft. Da sind sie alle. Sie sitzt neben Eugeniu in ihrem besten Kleid, er im einzigen Anzug, in dem er sie zwei Jahrzehnte zuvor geheiratet hatte, hinter ihnen die beiden stattlichen Söhne, der Älteste hat Rosalia auf dem Arm. Sie atmet schwer, ihr Herz zieht sich zusammen, es schmerzt in der Brust.


Nein. Es ist richtig, dass sie nein gesagt hat. Dass sie Rosalia den Segen verweigert und nicht nach Italien gereist ist, um bei dieser Hochzeit dabei zu sein. Die Söhne sind beide hingefahren, warum auch immer, sie aber nicht. Maria hat die beiden beauftragt, sie wegen der Herzkrankheit zu entschuldigen. Einen Brief mit Glückwünschen hat sie ihnen nicht mitgegeben.


Maria seufzt. Die Uhr tickt sehr laut. Es ist nach vier Uhr. Jetzt sind sie wohl schon Mann und Frau. Wie das in Italien abläuft, bei reichen Leuten, kann sie sich nicht vorstellen. Der schönste Tag im Leben eines Mädchens. Sie stützt sich auf den Küchentisch und steht auf. Alles tut weh. Sie streicht die Wachstuchdecke glatt, wie sie es immer tut, geht zur Anrichte und holt etwas hervor, einen vergilbten fleckigen Briefumschlag, der bei den Geburts- und Sterbeurkunden liegt. Ein Leuchten von Angst und Freude flackert in Marias alten Augen. Sie zieht den Brief aus dem Umschlag, legt ihn auf den Küchentisch neben die Einladungskarte. Sie setzt sich wieder auf den Stuhl, das Kinn in die Hand gestützt. Mit der anderen nimmt sie die gedruckte Karte auf. Wieder und wieder bleibt an einem Namen hängen, Pietro Tuanescu. Das ist der orthodoxe Pfarrer, der heute ihre Rosalia und diesen Enzo getraut hat. Dann faltet sie den Brief auseinander, ganz vorsichtig und glättet das bräunliche linierte Papier mit der verblichenen Schrift.


Marias Lippen kräuseln sich, sie spitzt den Mund, greift zur Lesebrille auf dem Tisch, beginnt zu lesen, obgleich sie den Text auswendig kennt.

Liebste Maria, tief traurig schreibe ich Dir diese Zeilen. Es hat mich schwer getroffen, dass Du mich zurückgewiesen hast. Die Zeit mit Dir war wunderschön und ich hatte so sehr gehofft, Du würdest Eugeniu verlassen und mit mir kommen, jetzt wo Deine Söhne endlich erwachsen sind. Zwar kann ich Deine Gründe nachvollziehen. Du willst Eugeniu nicht alleinlassen. Dich nicht von den Söhnen trennen. Jaja, aber verstehen kann ich dich nicht! Du zerstörst alle meine Hoffnungen. Mit Dir wollte ich ein neues Leben aufbauen. Liebst du mich denn nicht? Nach der Nacht mit Dir, endlich, denke ich nur noch an dich. Unsere Leidenschaft hat mich glauben lassen, dass sich nun alles für uns wendet. Ich ertrage es nicht länger in deiner Nähe zu sein, ohne Dich zu besitzen. Ich gehe fort. Dir täglich zu begegnen und zu wissen, es wird keine Erfüllung für mich geben.

Aber meine Liebe ist Dir für immer sicher, auch aus der Ferne.

Gottes Segen mit uns, Dein Pietro Tuanescu“


Eine einzige Nacht. Pietro, Pfaffe obendrein, hat ihr damals monatelang den Hof gemacht, sie umschmeichelt, sie angeschmachtet. Er war nicht gerade attraktiv, aber immer säuberlich, roch nach Seife und Haarwaschmittel. Eugeniu hingegen stank nach Schnaps, Schweiß und Knoblauch, wechselte selten die Unterhose, obwohl sie ihm immer frische Wäsche hinlegte. Im Laufe der Jahre war er heruntergekommen. Der Alkohol hatte ihn verdorben, nachlässig gemacht in allen Dingen. Pietro hingegen pflegte sich, duftete nach Waschpulver und Rasierwasser, machte ihr nette Komplimente, hatte immer eine sauberes Hemd an. Sie genoss das Glühen in seinen Augen, wenn er ihr begegnete. Während der Sonntagspredigt schlug ihr das Herz bis zum Hals, und im Marienmonat Mai ging sie öfter als sonst zur Abendandacht. Im Oktober, beim Ernte-Dank-Fest forderte er sie zum Tanz, das war an einem solchen Tag auch dem Pfarrer erlaubt. Eugeniu saß mit den anderen Männern betrunken auf der Bank, achtete nicht auf seine Frau. Wie erbärmlich er wirkte! Die Nacht war lau und dunkel. Maria hatte mehr Wein getrunken als sonst. Sie trug ihr bestes Kleid, die dicken dunklen Haare offen, ihre Ohrringe baumelten lang an ihrem Hals und sie fühlte sich plötzlich jung. Sie roch Pietro, wie er duftete, als er den Arm um sie legte, und es war nicht nur Seife. Seine Bewegungen wurden langsamer, ihre Körper drängten sich aneinander, Maria fühlte seine harte Männlichkeit, sein Begehren. Leidenschaft erfasste auch sie, es ging ganz schnell. Unbemerkt verließen sie die Tanzfläche, verschwanden in den Büschen. Der Stamm des Baumes in ihrem Rücken schmerzte unter seinen Stößen, als er sie nahm. Dann fielen sie gemeinsam ins Gras. Als sie sich voneinander lösten, graute schon der Morgen. Maria ordnete Kleid und Haar, rannte leichtfüßig durch die Stille des Dorfes nach Hause. Ein schlechtes Gewissen hatte sie nicht. Was war schon geschehen?


Dem Pfarrer ging sie jetzt aus dem Weg. Sie war nicht verliebt. Die nächtliche Leidenschaft war nur ein letztes Aufbäumen ihrer verwelkenden Sehnsucht gewesen, vielleicht. Don Pietro aber lauerte ihr immer wieder auf, um mit ihr zu sprechen. Anfangs wich sie aus, irgendwann fasste sie sich ein Herz und schrie ihn mit harter Stimme an. Lass mich endlich in Ruhe! Von Eugeniu werde ich mich nie trennen, kann ihn doch nicht vor die Hunde gehen lassen! Pietro reagierte gekränkt, wütend. Er litt an Liebeskummer wie an einer bösen Krankheit.


Längst ist er weg nach Italien, als Maria merkt, sie ist schwanger. Der dicke Bauch, die Übelkeit. Schweren Herzens entschließt sie sich, Eugeniu zu verführen, besoffen und ranzig wie er ist. Sie spielt die Ahnungslose, als sie die Kräuterfrau aufsucht. Eugeniu reagiert zuerst wie versteinert als sie ihm sagt, sie erwarte noch einmal ein Kind. Er schluckt, nickt stumm mit dem Kopf. Seine Wandlung vollzieht sich langsam im Verlauf der Monate. Immer öfter lässt er die Finger vom Schnaps, rasiert sich regelmäßig, zieht sonntags frische Kleider an. und wie groß ist seine Freude, als das Kind auf die Welt kommt, die von ihm lang ersehnte Tochter! Stolz zeigt er sie im Dorf herum, ein wirklich hübsches Kind. Die Söhne kommen aus der Stadt, ihre kleine Schwester zu bewundern und den Eltern Glück zu wünschen.


Und heute ist sie eine Braut, die Rosalia. Doch wenn sie weiß, was mit diesem Enzo los ist, ist sie keine glückliche Braut. Maria zieht schwer die Luft ein, lehnt sich zurück auf ihrem Stuhl. Pietro verheiratet heute Rosalia, ohne zu ahnen, das sie seine Tochter ist. Das Leben, denkt sie, das Leben ist schon eines der Merkwürdigsten.


Was, wenn sie trotz allem dabei gewesen wäre, heute bei der Hochzeit ihrer Tochter? Wo das doch auch für eine Brautmutter der schönste Tag des Lebens ist. Wenn sie den Pfarrer noch einmal gesehen hätte? Dem alten Mann verraten hätte, dass Rosalia seine Tochter ist? Aber dann hätten es auch die Söhne erfahren. Marias Körper spannt sich. Beim Gedanken Pietro nochmals zu begegnen, ihm die Wahrheit zu sagen, beschleunigt sich ihr Puls. Sie richtet sich auf und ringt nach Luft. Ihr ist übel, alles dreht sich, als ihr Kopf auf den Tisch fällt. Der Atem raspelt und röchelt. Das Herz rast, hämmert schmerzhaft in der Brust, krampft – dann bleibt es stehen. Die Küchenuhr tickt und tickt. Maria hört einfach auf zu sein.


 

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